Konstanz: Einst bei der Wehrmacht, dann Konstanzer Richter, „Gerechter unter den Völkern“ und Träger des Bundesverdienstkreuzes: Es lohnt sich, an Heinz Drossel zu erinnern | SÜDKURIER

2023-02-22 16:59:50 By : Ms. Sara Chan

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Er war einer der ganz wenigen Richter der frühen bundesdeutschen Justiz, die im Nationalsozialismus Widerstand geleistet hatten: Heinz Drossel (1916-2008), der vor 50 Jahren Leiter des Konstanzer Sozialgerichts wurde. Dass ihm sein Widerstand gegen die Nazis nach 1945 zunächst beruflich schadete und erst sehr viel später gewürdigt wurde, ist nicht untypisch.

Drossel wurde 1916 in Berlin geboren und studierte noch vor Kriegsbeginn Rechtswissenschaften. Aus der ihm versprochenen Zurückstellung vom Wehrdienst, um in das Referendariat eintreten zu können, wurde nichts. Drossel hatte sich geweigert, einer NS-Parteigliederung beizutreten.

Während des Krieges, auf Heimaturlaub in Berlin, hielt er eine junge Jüdin davor zurück, Selbstmord zu begehen. Sie hatte sich von der Jungfernbrücke in die Spree stürzen wollen. Drossel gab ihr seine Ersparnisse und half ihr, sich vor dem Zugriff des Staates zu verbergen. Kurz vor Kriegsende versteckte er eine Familie und einen jungen Mann, ebenfalls Juden, vor der sich nähernden Gestapo. Er versorgte sie mit Lebensmitteln und beseitigte Spuren. Sie überlebten und emigrierten später in die USA.

Drossel gehört damit zu den wenigen Deutschen, die Alltagswiderstand gegen das NS-Regime leisteten und später als „stille Helden“ bezeichnet wurden. Die junge Frau, die ihm sein Leben verdankte, traf er nach Kriegsende wieder. Sie heirateten und bekamen eine Tochter. Nach Kriegsende konnte Drossel seine Ausbildung fortsetzen und wurde Sozialrichter. Er traf auf zahlreiche richterliche Kollegen, die sich zuvor mit dem NS-Regime arrangiert hatten, in einer Mischung aus Überzeugung, Opportunismus und zuweilen auch Angst. Sie bildeten nun ein sich gegenseitig schützendes und unterstützendes Geflecht.

Drossel wandte sich gegen Beförderungen ehemaliger Nationalsozialisten. Er wurde zurechtgewiesen und isolierte sich zunehmend. Die Kriegsgeneration nahm ihm übel, dass er sie mit ihrem eigenen Versagen im Nationalsozialismus konfrontierte. Der von ihm betriebene Wechsel von Berlin nach Baden-Württemberg im Jahr 1962 ermöglichte ihm einen beruflichen Neuanfang. Nach Tätigkeiten am Sozialgericht Stuttgart und am Landessozialgericht Baden-Württemberg wurde Drossel im März 1972 Direktor des Sozialgerichts Konstanz.

In der Personalführung war Drossel sehr erfolgreich. Obwohl von kleiner Statur, verfügte er über eine natürliche Autorität. Von seinen Beschäftigten wurde er als engagierter, zugewandter und vor allem als menschlicher Vorgesetzter geschätzt. Als erster Leiter eines baden-württembergischen Sozialgerichts führte er regelmäßige Pressegespräche, aus denen auch der SÜDKURIER berichtete. 1975 wechselte er nach Freiburg, wo er sein Berufsleben als Präsident des dortigen Sozialgerichts beendete.

Viele Jahre hielt sich Drossel bei allem, was mit dem Nationalsozialismus zusammenhing, zurück und sprach auch über sein eigenes Verhalten nicht. In seinem beruflichen Umfeld ahnte keiner von Heinz Drossels Taten während des Krieges, die man heute zum sogenannten „Rettungswiderstand“ zählt. Doch das gesellschaftliche Klima wandelte sich. 2000 wurde Drossel von der Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt, mit der höchsten Auszeichnung, die der Staat Israel an Nichtjuden verleiht.

Historiker und Journalisten wurden auf ihn aufmerksam. Drossel sprach auch in vielen Vorträgen an Schulen über die NS-Zeit. Am Ende wurden es rund 12.000 Schüler, vor denen er sprach. Es folgten das Bundesverdienstkreuz, ein Besuch des damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau und die Raoul-Wallenberg-Medaille der University of Michigan für außergewöhnliche Beiträge im Bereich der Menschenrechte. Posthum erschien eine Biografie der Spiegel-Journalistin Katharina Stegelmann [Bleib immer ein Mensch. Heinz Drossel. Ein stiller Held, E-Book 15,99 Euro]

Am 28. April 2008 starb Heinz Drossel im Alter von 91 Jahren. Er gehörte als Retter von Juden während der NS-Zeit zu den wenigen Menschen, deren alltägliches Verhalten einen Kontrapunkt zu den vielen Deutschen setzte, welche die nationalsozialistische Judenverfolgung wenn nicht aktiv beförderten, ihr aber jedenfalls auch nicht entgegentraten.

Während des Krieges zeigte er Zivilcourage und eine von ihm als selbstverständlich empfundene Menschlichkeit. Dass er dies in seinem Berufsleben als Richter und Gerichtsleiter fortsetzte, bezeugen Menschen, die ihn erlebt haben. Es lohnt sich, an Heinz Drossel zu erinnern.

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